Quelle: Dr. Simon Frisch, Medienwissenschaftler
Universität Hildesheim
Brief an das BOXEN-TEAM bezüglich ANGST –
eine Inszenierung
ANGST – eine Inszenierung am Stadttheater Hildesheim, das war ein
durchstellen und ein dramaturgisch und bildnerisch, zeichnerisch und plastisch
derart gelungenes Stück Theater, wie ich es zuletzt in Paris gesehen
habe, aber da war es sehr didaktisch. (aber Paris ist bestimmt kein Ort,
an dem man gutes Theater sehen kann, vielleicht Jan Lauwers Shakespeare-Holzkisten-Rock/Punkausgaben,
aber nur vom Ton her).
ANGST, um mit Flaubert es zu versuchen, hatte etwas von der Strenge und
dem Charakter, wie es die Wittgensteinbiografieausgabe aus der rororo-Reihe
hat. Das Buch in seiner Anmutung. Und in dieser Strenge ermöglichten
sich ein Bilderreichtum, wie sie die Interieurs des 19. Jahrhunderts kennen,
und sechziger Jahre, Fassbinders Herr R, Amok, bundesrepublikanischer
Mief, zugleich sechziger Jahre Flughafendesign als Geruch, als Hauch,
als Echo? Pergamon-Museum, dann war Helmut Newton dabei oder Ungerer,
dialektischer Sadismus im Spiel mit der Zigarette, ein Cheerleader-Vortrag,
der verrückte Wissenschaftler, der nichtverrückte Wissenschaftler,
eine öffentliche Situation, ein Kolloquium für ein Fachpublikum,
Radierungen von Rembrandt, eine Lesung, wirklich eine Lesung. Und diese
aus der Bibel, kein anderes Buch hätte in ANGST vorgelesen werden
dürfen, höchstens die Bibel, wusstet Ihr das? Nur "DAS
BUCH" darf in so einem Stück gelesen werden, alles andere ist
Statement, Inhalt, Politik, Meinung. Aber Das Buch, ... was soll man denn
sonst lesen, es gibt nicht DEN BRIEF, oder so. Und dann wird aber, obwohl
nur gelesen wird, eben doch die Apokalypse gelesen! Und die weil das Stück
Angst heißt. Also das ist Bildhauerei und nicht Theater!
Die Bedingungen und Bedingtheiten des Theaters, des öffentlichen
Auftritts im Allgemeinen. Seminar, wissenschaftlicher Vortrag, Literarisches
oder philosophisches Fernsehtalkrundenformat, feierlicher Akt bzw. Einlage
bei Präsentationen oder öffentlichen Anlässen, Fischli
und Weiss mit dem Wasser, das auf den Computer zuläuft, aber nie
Kabarett.
Die Interaktion mit dem Zuschauer wurde gerade noch nicht - Gott sei Dank
- zur Provokation, sondern blieb dieselbe Geste wie die additiv aufsteigend
organisierte Nummer mit dem "Take". Überhaupt eine Aufzählung
und zugleich nicht Nummern-Theater... und zugleich so persönlich...
Und genau deshalb kein Bildungsbürgerstück, nichts hat man gelernt
über das, was man schon wo gelesen hat oder nachher noch nachlesen
kann.
Die Künste vor dem Banausentum haben wir lange genug gerettet, jetzt
drohen sie unter der Last des Bildungsbürgerlichen Anspruchs zugrunde
zu gehen. und der holt den ganz normalen Schock seit beinahe hundert Jahren
locker ein. Aber so gelingt es. Anschlussfähigkeit zur Darstellungsform
zu machen. Man fühlt sich intelligent bespielt, aber nix davon ist
wahr.
Pressestimmen:
Die Herbert-Fritsch-Show
(...) „Die Angst vor fehlenden Geldgebern, die Angst vor verfehlten
Inszenierungen, die Angst des Schauspielers vor dem Auftritt, vor dem
Handyklingeln im Zuschauerraum, vor der falschen Markierung. All diese
Ängste werden vorgeführt und gleichzeitig torpediert. Natürlich
glaubt solch ein postmodernes, postdramatisches Theater nicht mehr daran,
von der Bühne aus Angst schüren zu können, Geschichten
erzählen, geschweige denn Rollen verkörpern zu können.
Wie Fritsch trotzdem alle Register der Schauspielkunst präsentiert
und ad absurdum führt, ist eine bemerkenswerte Leistung, völlig
wahnsinnig und ungemein komisch. Das Boxen-Team zeigt eine Form des Theaters,
die offen ist, mit Formen spielt und damit auf alte Ansätze der künstlerischen
Avantgarde zurückweist. Dies nicht als fertige Inszenierung anzuerkennen,
ist ein verbreiteter Fehler.“
(Max Florian Kühlem, Rheinische Post, 09.04.2007)
(...) „Angst ist Seminar, wissenschaftlicher Vortrag, Literarisches
oder philosophisches Fernsehtalkrundenformat, feierlicher Akt bzw. Einlage
bei Präsentationen oder öffentlichen Anlässen, Fischli
und Weiss mit dem Wasser, das auf den Computer zuläuft, aber nie
Kabarett.
Die Interaktion mit dem Zuschauer wurde gerade noch nicht - Gott sei Dank
- zur Provokation, sondern blieb dieselbe Geste wie die additiv aufsteigend
organisierte Nummer mit dem "Take". Überhaupt eine Aufzählung
und zugleich nicht Nummern-Theater... und zugleich so persönlich...
Und genau deshalb kein Bildungsbürgerstück, nichts hat man gelernt
über das, was man schon wo gelesen hat oder nachher noch nachlesen
kann.
Man fühlt sich intelligent bespielt, aber nix davon ist wahr.“ (Dr. Simon Frisch, Medienwissenschaftler, Universität Hildesheim)
Duo-Infernal auf dem Anarcho-Multmedia-Trip
(...) Der Abend hatte so lustig angefangen, denn Sabrina Zwach ist wirklich
ein komisches Talent. Nachvollziehbarerweise verliert sie zwischendurch
schwer atmend die Contenance, wenn Herbert mal wieder Nervensäge,
Kollegenschwein und Schikaneur auf einmal gibt!“ (Sigrid Schuer, Weser Kurier, 16.03.2007)
Keine Panik!
(...) „Es gab beeindruckende Momente, vor allem wenn die zwei sich
mit den Ängsten von Schauspielern auseinandersetzen. Und besonders
Fritsch sah man gerne zu, weil er selbst noch im albernen Angsthasenkostüm
souverän bewies, was für ein guter Schauspieler er ist.“
(Ernst Corinth, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 12.02.2007)
Buh!
(...) „Und wenn die strenge Zwach und der manische Fritsch Fassbinders
„Angst essen Seele auf“ im Bild eines kurzen traurigen Tanzes
zusammenziehen, kommt über das Anführungszeichen gesetzte Spiel
mit den Zuschauerbedürfnissen doch noch das Theater kurz und schmerzlos
zu seinem Recht! (...)!“ (amu, Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 04.12.2006)
Quelle:
Hildesheimer Allgemeine Zeitung vom 18.11.2004
Radiopiraten im Dienst der Revolution Highspeed-Performance des Boxen-Teams zum Geburtstag des Mauerfalls
geht live über den Sender
Hildesheim. Ist die Revolution eine betagte Dame? Oder ist sie quietschfidel,
zu Neuem bereit? Heuer, 15 Jahre nach ihrer letzten Großtat, dem
Mauerfall, sitzt sie beim Piratensender RAR auf der Couch, die Locken
blond, die Lippen rot geschminkt. Richtig glücklich wirkt sie nicht:
„Wie soll es schon gehen? Ich pubertiere.“
Mit „RAR – Radio Revolution“ meldet sich die Performance-Gruppe
„Boxen-Team“ zurück auf ihrem ureigenen Terrain. Thematisch
wie in der Wahl der Mittel. Auf den Asien-Trip des 3-D-Samurei „USS“
folgt der Blick ins innere der deutschen Einheits-Befindlichkeit, verpackt
in ein grotesk-fulminantes Live-Hörspiel von eindrucksvoller technischer
Präzision.
Live in doppeltem Sinne. Man kann die Produktion direkt miterleben, in
einem öffentlichen Studio in der Ladenzeile am Marienburger Platz.
Oder daheim, am Radio. Eigene Sender mit geringster Reichweite sind out
im Piraten-Äther, heute hackt man sich in fremde Frequenzen hinein
und kapert eine öffentliche Station.
In Hildesheim hat es Radio Tonkuhle erwischt.
Das „Boxen-Team“ spielt virtuos mit dieser Situation. Vor
der großen Schaufensterfront einer ehemaligen Sparkassen-Filiale
haben Frank Böhle, Steffen Dost, Jan Exner, Ingo Günther und
Heino Sellhorn zwei Tische mit elektronischem Gerät voll gepackt.
Sampler, Digitalverstärker, Mikros, Keyboard, Laptop und was sonst
noch alles. Darüber eine Uhr, vor allem die Aufnahmelampe.
Die Atmosphäre ist nüchtern, vollkommen untheatral, das Team
bereitet die Übernahme von Radio Tonkuhle mit der kühlen Konzentration
eines Space-Shuttle-Starts vor. Das Publikum ist über Kopfhörer
mit dem Geschehen verbunden – Check: „Noch ist es nicht zu
laut, oder ?“ Um Punkt halb neun hackt sich die Crew in den Sender
ein, ist drin, jetzt darf eine Stunde lang niemand mehr Geräusche
von sich geben, den Raum verlassen, irgendwie in den Prozess eingreifen.
Die Show ist ein Highspeed-Sammelsuriom zur Revolution im Allgemeinen
und zur deutschen Einheit im Besonderen. Comichaft verfremdete Stimmen
erzählen Ossi – Wessi – Witze, eine Reportage aus dem
Wendland führt mitten hinein in eine Gorlebendemonstration, bei einer
Presseschau wird die aktuelle Bildzeitung nach der „Revolution des
Tages“ durchforstet. Zwischendurch spielt die Radio-eigene Band
„Elftembers“ heiße Songs, von Reggae bis zum Cyber-Punk
ist alles dabei. Im Unterschied zum Radiohörer erhält das Publikum
auch Sehstoff. Das Geburtstagskind Revolution bricht durch eine Styroporwand
in den Raum hinein, der Beitrag aus dem Kochstudio (Currywurst als Allegorie
zur französischen Revolution) wird über einen Monitor eingespielt,
beim Pfeifwettbewerb darf man sogar mitmachen. Ein Zuschauer gewinnt für
seine Pfeifversion des „Scorpions“-Hits „Wind Of Change“
eine „Phudys“-Schallplatte. Und alles geht direkt ins Pult,
online.
Die Wirkung ist frappierend. Einerseits erlebt man live – die Musik,
die Jingles, die Wortbeiträge, alles wird in eben diesem Moment erzeugt.
Zugleich ist das Erlebnis jedoch ein mittelbares, distanziertes, weil
man mit Ausnahme der Stimmen nichts mehr hört, sobald man den Kopfhörer
abnimmt.
Die simulierte Echtheit des Geschehens bringt eine dritte Ebene ein –
„Es ist enorm wichtig, unerkannt zu bleiben“ -, zumal sie
direkt gebrochen wird: Jeder kann ja von draußen direkt hereinschauen,
Akteure und Publikum sind gleichermaßen ausgestellt. Eine Radio-Revolution
fürs Schaufenster. Die Hauptperson dankt am Ende genervt ab, doch
jede Wette, Morgen sitzt sie wieder auf der Couch.
Quelle:
Leipziger Volkszeitung
28. / 29.02.2004
Bühne Leipzig, Seite 18
Harakiri mit Riesen-Mikado
Fesselnde Spielchen im Lofft:
Das Boxen-Team eröffnet Themenjahr „ORIENTE“
Japan ist eine andere Welt. Wirklich! Tritt man dort zum Beispiel jemandem
auf den Fuß, dann entschuldigt er sich dafür, den Fuß
an der falschen Stelle gehabt zu haben. Legendär neben der Höflichkeit
auch der Ehrenkodex der Samurai und ihr Verhältnis zum Tod: Einem
Samurai, der seine Ehre verliert, bleibt nur Harakiri. Das freilich geriet
zwischenzeitlich etwas aus der Mode. Dafür sind zwei andere Formen
des Ablebens schwer im Kommen: Karoshi, was den Tod durch Überarbeitung
bezeichnet, und Jisatsu-Karoshi, der Selbstmord aus Überlastung.
Wer in Japan dagegen mehr aufs Leben als auf den Tod steht, bevorzugt
womöglich eher Fesselspielchen oder schwört auf den „Vita
X Drink“, angereichert mit Nachgeburt frisch aus dem Krankenhaus.
Igitt?
Das Boxen-Team aus Weimar und Hildesheim liebt diese schrägen Seiten
Japans – so sehr, dass es sie zu einem multimedialen Panoptikum
verdichtete, Titel: „USS oder Die Wahrheit über das Leben,
den Tod und den ganzen Rest“. Zu sehen war es an den vergangenen
Abenden im Lofft. Sehenswert war es.
„Uss“ lautet das Wort, mit dem ein Schüler seinem Meister
untertänig zustimmt. „USS“ des Boxen-Teams lässt
sich nicht trefflicher umreißen, als es schon in der Ankündigung
geschieht: „Vier Schauspieler werden musizieren, vier Musiker werden
kämpfen, vier Samurai werden spielen!“ Für wahr, schamlos
verspielt kommt die Inszenierung daher, sehr musikalisch, sehr komisch:
Hoch ästhetisch sowieso!
Das Bühnebild besteht aus einem quadratischen orange-braunen Teppich.
Links, rechts und hinten stehen Fernseher, auf denen Japanszenen eingespielt
werden, ein Quiz abläuft, sich der „Tiger Do-Chat“-raum
öffnet und ein wunderbarer Martial-Arts-Manga-Trash-Film das Leben
der vier Helden und damit die Vorstellung beschließt.
Zwischendurch wird musiziert, an Bass, Hackbrett, Keyboard, allerlei digitalem
gerät. Schon wegen des Soundtracks lohnt sich der besuch von „USS“.
Herrlich auch Weisheiten wie: „Zweifelst Du an deiner Superpower,
dann powerst Du nur Deine Superzweifel!“
Hervorgehoben sei zudem die Harakiri-Choreografie mit Riesen-Mikado-Stäben.
das Gastspiel des Boxen-Teams eröffnete ein Themenjahr: Die nächsten
Monate dreht sich im Lofft alles um „ORIENTE“, um den Blick
aus dem Abendland auf die Fremde also.